Harmoniesucht. Oberflächlich harmonisch, aber wehe, man hebt den Teppich ...

Harmoniesucht, was ist das eigentlich?

Harmonie ist ein schöner Zustand, sofern er ganz natürlich ist. Ist doch klar, dass wir es mögen, wenn alles rund läuft. Keine Konflikte, keine unangenehmen Gespräche, kein Mensch, der nörgelt. Manchmal ist die Harmonie aber falsch, vorgetäuscht und nicht so gemeint - und steht im Weg.

Harmoniesucht
Harmoniebedüftige Menschen haben oft Probleme. Grenzen setzen und nein sagen fällt ihnen schwer. Tipps, wie Sie mit der Harmoniesucht anders umgehen können.

Kein Mensch mag Konflikte, harmoniesüchtige Menschen schon gar nicht. Selbstbewusst nein sagen, mit unterschiedlichen Meinungen umgehen, Ablehnung aushalten: all das sind sicher nicht die Stärken von Menschen, die Harmonie als Grundzustand suchen. Doch oft ist die Harmonie nur der Deckel auf dem Topf mit dem heißen Wasser. Und dann wird es unnötig kompliziert.

Daran erkennen Sie das Harmoniebedürfnis

Harmoniesüchtige Menschen erkennen Sie u.a. an und in diesen Situationen und Verhalten:

  1. Sie möchten andere Menschen nicht kritisieren.
  2. Harmoniesüchtige Menschen möchten selbst nie kritisiert werden.
  3. Konfliktsituationen gehen sie aus dem Weg.
  4. Sie erkennen Konflikte auf 100 Kilometer Abstand.
  5. Bei Streit und in Konflikten ziehen sie sich zurück.
  6. In Konfliktsituationen versuchen sie sofort zu beschwichtigen.
  7. Sie entschuldigen sich ständig. Für alles. Hauptsache, Harmonie.
  8. Sie sagen ja, obwohl sie nein meinen, um somit einer unangenehmen Situation aus dem Weg zu gehen.

Raus aus der Harmoniesucht!

Dass ausgerechnete harmoniebedürftige Menschen dafür sorgen, dass Dinge nicht geklärt werden, erstaunt nur auf den ersten Blick. „Ich will mich nicht immer streiten, lasst uns einfach friedlich arbeiten“, ein Satz mit dem jeder aufkommende Streit schnell in Keim erstickt wird. Zügig wird die Angelegenheit unter den Teppich gekehrt, über den später unter Umständen das ganze Team oder die Familie stolpern wird.

Falsche Harmonie ist der Deckel auf dem heißen Topf!

Bereits an dieser Stelle wird es heiß, denn oft sind es die besonders harmoniebedürftigen Menschen, die sich nicht trauen, nein zu sagen, wenn sie es so meinen.

Wer das Trennende ignoriert, wird keinen wahren Frieden stiften, auch nicht zwischen den beiden Kollegen, die nebenan im Büro streiten. Statt die beiden sich kräftig die Meinung sagen zu lassen, sie in ihrer Kraft, in ihren Widersprüchen und unterschiedlichen Sichtweisen zu unterstützen, mindestens ihnen aber die dafür nötige Zeit zu geben, versucht der harmoniebedürftige Mensch den Deckel auf Topf zu drücken, nur damit das Wasser nicht überkocht. Es liegt in der Natur der Sache, dass er keinen Erfolg haben wird. Noch mehr: er sorgt mit dem Verbreiten der Scheinharmonie aktiv dafür, dass es zu besonders heftigen Konflikten kommt, weil sie lange unter den Teppich gekehrt werden.

Tipps, wie Sie mit dem Harmoniebedürfnis umgehen

Vielleicht haben Sie den ersten und wichtigsten Schritt schon getan. Sie sind sich bewusst, dass Sie harmoniesüchtig sind. Sie sagen ja, obwohl Sie nein meinen, Sie lassen vielleicht viel mit sich machen, obwohl Ihre Grenzen schon längst überschritten sind? Aber Ihnen ist auch klar, dass Veränderung nie leicht ist. Ein Teufelskreis, richtig? Wichtig ist, dass Sie in die Umsetzung kommen, das ahnen Sie vermutlich bereits. Aber was können Sie jetzt ganz konkret tun?

  1. Stellen Sie sich Ihren Ängsten. Klingt immer banal, ist aber ein wichtiger Schlüssel. Frei nach dem Motto "Augen auf und durch".
  2. Suchen Sie sich Unterstützung. Alleine durch den Dschungel von Harmoniebedürfnis, Ängsten und sonstigen Themen zu gehen, das ist oft frustrierend. Vielleicht besuchen Sie einen Workshop oder einen Coach? Fangen Sie an, machen Sie den ersten Schritt.
  3. Was ist das Schlimmste, das passieren kann, wenn Sie ein Stück aus Ihrer Komfortzone kommen? Wenn Sie ein kleines bisschen mutiger sind? Und was ist das, was Sie auf jeden Fall jetzt umsetzen möchten?
  4. Wenn Sie sich selbst ab sofort ernst und wichtig nehmen würden, wie sähe Ihr Leben dann aus?
  5. Was muss passieren, dass Sie sich selbst als den wichtigsten Menschen in Ihrem Leben betrachten?

Harmoniesucht ist ein großes Hindernis, wenn man Grenzen setzen und nein sagen möchte. Konkrete Tipps, wie Sie anders mit diesen Hürden umgehen können, bekommen Sie im kleinen E-Mail-Kurs. Kostenlos, aber nicht umsonst. :)


„Ich will mich nicht streiten!“

Konflikte kosten Zeit und Nerven, sind aufreibend und können aufwühlen, kein Wunder also, dass ein Streit nicht als Tageshighlight angesehen wird. Doch wer ein ernsthaftes Interesse daran hat, den ganz großen Konflikten möglichst lange aus dem Weg zu gehen, der klärt die kleinen Ungereimtheiten frühzeitig. Die Kollegin rechtzeitig anzusprechen, mit dem Partner zügig unterschiedliche Sichtweisen klären, mit den Kinder ein klärendes Gespräch führen, lange bevor es kracht, kostet am Anfang Überwindung und Mut. Doch die Belohnung lässt nicht lange auf sich warten, wenn sich echte Harmonie und ein gutes Miteinander wie ein Lauffeuer verbreitet.

Wenn das Nein sagen zu einem Konflikt führt, ist die Harmonie dann weg?

Wenn das Nein zu einem Projekt, zu einer weiteren Aufgabe, zu einem Wunsch eines Mitmenschen für einen Konflikt sorgt, dann ... gibt es etwas zu klären. Der Konflikt sorgt also dafür, dass etwas sichtbar wird. Und wenn Ihr Kollege sauer ist, weil Sie Nein sagen, wie gut ist Ihre Beziehung dann wirklich? Und wenn sie schon schlecht ist, wird es nicht wirklich Zeit für eine Aussprache?

Echte Harmonie ist also ganz und gar nicht die Abwesenheit von Konflikten, sondern die Anwesenheit von bewussten Menschen, die sich um die kleinen Krümel des aufreibenden (Büro-)Lebens kümmern, um für eine aufgeräumte Stimmung zu sorgen, was doch sehr harmonisch klingt, oder?

In den meisten Situationen werden Sie erstaunt sein, wie gelassen die meisten Menschen bei einem Nein reagieren. Nehmen Sie dies als Zeichen, dass die Beziehung zu diesem Menschen stabil ist. Ein „Nein“ wird einer gesunden (Arbeits-) Beziehung überhaupt nicht schaden. Besonders wenn man das Neinsagen noch lernt, steht die Angst vor einem Konflikt aber im Raum.

Nein sagen ohne Konflikt?

Wenn bekannt ist, dass Sie bisher immer Ja gesagt haben, kann es hier und da zu kurzfristigen Irritationen führen. Nehmen Sie dies als möglichst positives Zeichen, dass Ihr neues Verhalten auf Reaktionen stößt, auch wenn dies vielleicht am Anfang eine ungewohnte Sichtweise ist. Es ist wie beim Tennisspiel mit einer guten Freundin. Immer schlägt sie in das rechte Feld, doch jetzt links. Der Überraschungseffekt ist am Anfang groß, aber immerhin spielen Sie schon seit Jahren zusammen, da weiß man, wie die andere spielt. Eigentlich. Nichts anderes wird es sein, wenn Sie nun nicht in gewohnter Art und Weise reagieren. Wenn Sie bemerken, dass Ihr Gegenüber „merkwürdig“ reagiert oder Sie Abweisung empfinden, ist die wichtigste Spielregel: Klären Sie es umgehend, sofern Sie (!) das wollen. Machen Sie die Situationen nicht unnötig kompliziert, indem Sie ein Gespräch lange hinausziehen und sich viele Gedanken machen, sondern sprechen Sie die Sache schnell an.

Manchmal muss es knallen

Das Problem liegt auf der Hand: Sie sind es nicht gewohnt, Grenzen zu setzen und nein zu sagen. Sie haben Ängste und Befürchtungen, ringen sich durch und: die Ängste bleiben, sie verschwinden sicher nicht von jetzt auf gleicht. Was nun wichtig ist: Seien Sie aufmerksam. Und hinterfragen Sie. Sich selbst und Ihr Gegenüber. Denn nur weil Ihre Kollegin die Augenbraue hochzieht, wenn Sie nein sagen, heißt das nicht zwangsläufig, dass sie sauer oder wütend ist.
Wenn Sie aber das Gespräch führen wollen, dann sind diese Fragen vielleicht ein guter Einstieg und dienen Ihnen als Gesprächseröffnung:

Tipp

  • Welche Punkte sind nicht klar?
  • Gibt es etwas zu klären?
  • Was können wir jetzt klären?
  • Benötigen wir Unterstützung?

Es wäre schade, wenn Sie bei auftretenden Ungereimtheiten in den Glaubenssatz verfallen „Es ist meine Schuld, dass es Streit gibt“, denn das ist es nicht. Es geht in einem Konflikt nie um Schuld, es ist in diesen Situationen einfach nur etwas „Neues“ passiert, was andere Menschen zwar nicht unbedingt immer mit Jubel feiern, doch hier geht es um Ihren persönlichen Sieg. Es geht um Ihr Wohlbefinden, dass es Ihnen gut geht, dass Sie zufrieden ist. Das alles muss und soll nicht zu Lasten der guten Beziehung gehen, jedoch ist sie nur dann wirklich gut, wenn sie auch Veränderungen aushält.

Menschen, die Sie nur mögen, weil Sie immer „Ja und Amen“ sagen, werden mit Ihrem Nein sicher Probleme haben. Doch genau diese Menschen benötigen auch eine Zeit, sich an Ihr neues Verhalten zu gewöhnen, denn: Auf welchem Fundament steht die (Arbeits-) Beziehung, wenn man nur gemocht wird, weil man immer ja sagt und so funktioniert, wie der andere es gerne möchte?

Tschüss, Harmoniesucht. Hallo, Selbstachtung!

Teile dieses Textes wurden meinem Buch Ja zum Nein, Selbstachtung statt Harmoniesucht entnommen.

Tschüss, Harmoniesucht. Hallo Selbstachtung!
Ja zum Nein, Selbstachtung statt Harmoniesucht, Springer Verlag, Kirstin Nickelsen