Kommunikation

Ja und Nein

Früh lernen wir zu gehorchen und zu handeln wie es uns beigebracht wird, nicht abzuweichen von dem Weg, der von Eltern und Lehrern vorgegeben wird. „Ja“ ist nicht nur ein Wort, es ist gelernte, aber auch anerzogene Zustimmung.



Bereits als Kleinkinder suchen wir auf unterschiedlichen Wegen nach Bestätigung und Liebe unserer Eltern und merken schnell, welche Zuneigung wir erhalten, wenn wir lieb und freundlich sind und stets ja sagen. Dieses Ja ist das Folgeleisten einer Handlungsaufforderung, der man in jungen Jahren nur selten nicht nachkommt. Das Ja ist in den ersten Lebensjahren oft keine Haltung, als viel mehr eine antrainierte Antwort auf Vorhaltungen und Anweisungen. „Sei ein braves Mädchen“ oder “Ärgere die Mama nicht und sei ein guter Junge“ sind Sätze, welche die meisten Menschen kennen. Dass sie unter Umständen Manipulationsversuche sind und lediglich dazu dienen, dass wir funktionieren, aber auch besonders nicht in den Widerstand gehen, erkennen wir meistens erst im späteren Lebensverlauf.

Früh lernen wir hingegen, dass Harmonie und Zustimmung durch ein „Ja“ entsteht und gefördert, durch ein „Nein“ hingegen zerstört wird. Besonders interessant wird dann die Zeit der Pubertät, in der wir Grenzen suchen, neue Fragen stellen, aber auch andere Antworten hören wollen, und das Wort Nein in unserem Sprachschatz zum ersten Mal einen Platz findet. „Im besten Fall“, möchte man hinzufügen, denn nicht wenig Menschen lernen in dieser Phase, dass ein Nein von den Eltern nicht gewollt ist, zu Konfrontation und Konflikten führt, die nicht selten in Erpressungsversuchen oder noch strengeren Erziehungsmaßnahmen endet. Trotz aller Abgrenzungsversuche und möglicher Lust zur Rebellion, merken Heranwachsende sehr schnell, dass ihr Nein entweder übergangen oder nicht gehört, geschweige denn angenommen wird. Der Trugschluss, dass man nur mit einem „Ja“, also einer Zustimmung, gesehen und anerkennt wird, liegt nahe. Selten wird ein Mensch hören, dass es gut ist, wenn er Nein sagt, oder gar dazu aufgefordert werden, wenn man von den Ausnahmen absieht, in denen es z.B. um Übergriffe Fremder geht. Ein Nein in der eigenen Familie ist meistens unerwünscht und zeugt von Respektlosigkeit den Eltern gegenüber.

Und die Rebellen?

Die eigenen Eltern wiederum haben es oft nicht anders gelernt: Ein Nein bedeutet Widerstand, nicht Gehorsam, ein nicht zu akzeptierendes Verhalten gegenüber den Erziehungsberechtigten, was selbstverständlich auf die eine oder andere Art bestraft wird. Einige Kinder machen genau das Gegenteil: sie rebellieren, sagen nein, wo sie nur können und holen sich dadurch ihre Bestätigung, ihre Aufmerksamkeit und das „gesehen werden“, das jeder Mensch braucht, das eines unserer Grundbedürfnisse ist, welches gestillt werden muss, weil wir sonst nicht gestärkt in das Leben hinaus gehen können. Die Rebellen und die ständigen Ja-Sager unterscheiden sich darin, dass letztere im Umgang für die Umwelt sehr viel angenehmer sind, aber das Ziel ist das gleiche: Aufmerksamkeit, ein Zugehörigkeitsgefühl, Anerkennung. Das Suchen nach den Regeln, wann bekommt man Zuneigung, wann Ärger, der ganz normale Weg eines Menschen auf seinem Lebensweg.

Später, in der Ausbildung oder im Studium, ändert sich nicht viel, die Autorität der Eltern wird ersetzt durch die der Ausbilder, Vorgesetzten oder Professoren, und auch hier werden alle Regeln angewandt, die wir in unserer Kindheit gelernt haben. Wir wollen schließlich gemocht sowie anerkannt werden, möchten gute Noten und Abschlüsse bekommen, und befürchten, dass das Wort Nein genau zum Gegenteil führen kann.
Man passt sich an, wird zum Ja-Sager und verrät eigene Werte und Ideale. Es geht nicht um das Thema der Schuld, es geht, beschäftigt sich man mit dem Thema des Nein – Sagens, viel mehr um eine kleine Ursachenforschung. Dies beinhaltet nicht, seinen eigenen Eltern Vorwürfe zu machen, sondern sich anzusehen, wie die ersten Jahre des Lebens einen Menschen formten und welche Glaubenssätze man aus ihnen mitnimmt, um diese dann im weiteren Verlauf zu platzieren, ohne dass sie zunächst hinterfragt werden.

„Klein“ sollte die Suche nach den Gründen deshalb bleiben, weil Menschen ab einem gewissen Zeitpunkt in der Lage sind, die Vergangenheit einzuordnen und die Gegenwart in kleinen Schritten verändern können.
Dass das nicht leicht ist, liegt auf der Hand, ist die Kindheit doch eine sehr prägende Zeit. Doch die Verantwortung für das eigene Leben, den Weg, den man sich ausgesucht hat wirklich zu gehen, obliegt einem Menschen selbst, was ein großes Glück ist, aber auch nicht selten ein von großer Anstrengung geprägter Weg ist, der mit Wille, Disziplin und Mut gepflastert werden muss(!), sofern man wirklich nein sagen lernen möchte.

Theoretisch möchte man natürlich nein sagen, hat den Willen, weiß aber meistens, dass dies eine Veränderung bei sich selbst voraussetzt und schon geht der Wille flöten, das Buch wird zur Seite gelegt, alles ganz nett, aber nein danke, bitte keine Veränderung. Natürlich nicht, denn wohin kämen wir, wenn wir merken, dass es oft leichter ist als man es sich vorher ausgemalt hat.

Das Selbstbewusstsein und Grenzen

Zurück zum Weg des Nein – Sagens: In Hinblick auf den, sofern vorhanden, eigenen Nachwuchs, kann man sich die Frage stellen, wie stark man das Nein - Sagen bei den eigenen Kindern fördert, oder eben auch nicht. Erweitert man den Horizont dieses kleinen Wortes gilt diese, durchaus spannende Frage, auch bei Mitarbeitern, Vorgesetzten, Kollegen und Kunden. Achten Sie auf Ihre Gedanken, wenn Sie das nächste Mal hören „Nein, ich kann Ihnen heute nicht helfen!“ Der Blick auf die eigenen Probleme mit dem Wort Nein umfasst immer auch das Feld des Selbstbewusstseins, der eigenen Grenzen und Werte sowie der inneren Haltung: viele Bereiche, auf die dieses Buch später ausführlich eingehen wird. Im Arbeitsleben angelangt dauert es oft ein einige Jahre, bis man sich dem Wort Nein stellt, oft weil man zu viele halbherzige Jas gegeben hat:

  • auf Bitten,
  • auf Wünsche,
  • auf Anforderungen,
  • auf Aufträge und
  • Aufgaben.

„Ja, sicher, den Auftrag erledige ich innerhalb von 24 Stunden“ oder „Ja, ich kann die Arbeit von Frau Müller die nächsten 3 Wochen übernehmen“, bereits ahnend, dass diese Zusagen Reflexe sind, um der Konfrontation aus dem Weg zu gehen oder den Kunden nicht zu verlieren. Wieder wird ja gesagt und nein gedacht, erneut erteilt man sich selbst eine Absage. Man weiß um den Preis, den Stress, die zusätzliche Arbeit, ärgert sich mehr oder weniger heimlich, regt sich darüber auf, dass man immer ausgenutzt wird, doch bis man die Notbremse zieht, vergeht einige Zeit. Vielleicht ist jetzt der Moment, in dem man sagt „Ich muss unbedingt nein sagen lernen“, man hadert, denn intuitiv ist klar, dass dies mit Veränderung einhergeht, die anstrengend sein kann, auf Ablehnung stoßen könnte und die Gedanken sind schnell genug, um Mauern der Angst zu bauen, die man scheut und denen man sich nicht stellen will. Aber eigentlich will man doch nein sagen können.

Eine klare Haltung

Bevor Sie zu einem klaren, entspannten und aufrichtig gemeinten Nein kommen, und dies ebenso formulieren können, ist es wichtig zu klären, wann Sie halbherzige Jas geben:

  • Die Form der Zustimmung, die man nicht gibt, weil man es so meint, sondern die des Funktionierens willens,
  • des Glaubens, dass man sonst nicht mehr gemocht wird,
  • dieses Ja, das eine Ablehnung der eigenen Wünsche und Bedürfnisse ist,
  • um den Preis der Überarbeitung und des Stresses.

Die halbherzigen Jas an allen Ecken des (Berufs-)Lebens, die gleichzeitig den Gedanken aktivieren, „dass man doch eigentlich gerne nein sagen möchte“. Jedes halbe Ja ist per se kein Weltuntergang, es gehört zu unserem Leben, unseren Eingeständnissen und Kompromissen, die wir machen, weil wir in einer Gesellschaft leben und arbeiten, eine Familie und Freunde haben, die wir lieben. Ein „Ja, mache ich“ sagen, jedoch ein „Nein, ich will nicht“ meinen wird zu gewissen Bedingungen immer wieder gesagt.
Doch es geht um die Jas, die uns Zeit und Energie kosten, die uns Nerven rauben und Grenzen überschreiten.

Leider ist es selten damit getan, dass man nach Jahren der Schwierigkeit mit dem Wort „nein“ sich abends vornimmt, am nächsten Tag dem Kollegen eine Bitte abzuschlagen. Ein echtes Nein ist keine Technik, die in drei Minuten erworben werden kann, es ist kein Trick, den es gilt zu lernen.
Ein klares Nein bringt zum Ausdruck:

  • Eine klare Haltung,
  • eine Fürsorge sich selbst gegenüber und
  • eine Verpflichtung, eigene Grenzen anzuerkennen und zu zeigen.

Es ist auf keinen Fall immer leicht, obwohl es mit der Zeit und einigen Übungen immer besser wird. Einen perfekten Weg wird es sicher nie geben, aber immer einen, der einem selbst gut tut. Du wirst immer wieder in Situationen geraten, die es dir ermöglichen „nein“ zu sagen, immer wieder wirst du in Fallen tappen, immer mal wieder wird man sich vielleicht einen Moment ärgern. Doch der Unterschied mit einiger Übung sollte sein, dass dir viel mehr klare Neins mit großer Selbstverständlichkeit über die Lippen kommen, dass du dir sehr viel weniger Sorgen und Befürchtungen machst, was diese kleine Wort in deiner Umgebung auslösen könnte. Der Vorteil wird sein, dass dein Selbstwert immer stärker wird, wenn du dir selbst die Möglichkeit gibst.

Von innen nach außen

Mit einem klaren Nein geht es nicht darum, den Mitmenschen vor den Kopf zu stoßen, sondern gut zu sich selbst zu sein, selbst wenn dies als Konsequenz bedeutet, dass der Kollege an einer Zusammenarbeit nicht mehr interessiert ist. Der Weg des Nein-Sagens geht wie alle anderen Verhaltensveränderungen von innen nach außen: Wer sich klar ist, was er will, was ihn motiviert, was ihn hindert, seine Stärken und Werte kennt, wird leichter in der Lage sein, Grenzen zu setzen, nein zu sagen und sein Verhalten zu verändern. Das heißt nicht, dass es keine Schwierigkeiten gibt, man immer erfolgreich ist oder das Gespräch perfekt meistert. Aber es heißt, dass man sich nicht sofort wieder in die Ecke drängen lässt und aufgibt, man akzeptiert, dass man Fehler macht und weiß, dass man in den allermeisten Situationen immer eine Wahl hat. Raus aus der Ohnmachts-Falle, in der man sich als Opfer fühlt, hinein in ein verantwortungsbewusstes Handeln, weil man es sich selbst wert ist.

Unsere Jas, die wir Kollegen und Freunden geben, sind wertvoll und wichtig für unser Leben, jedes echte Ja eine Zustimmung, die wirklich so gemeint ist. Selbst wenn man keine Lust hat, dem Nachbarn bei der Gartenarbeit zu helfen: wenn er fragt, und man ja sagt, dann soll er wissen, dass man es auch so meint. Und wenn man es nicht so meint, es aber dennoch sagt, dann auch das aus Überzeugung.
Halbherzige Jas, die nicht so gemeint sind, die man nur aus Angst sagt, zu denen man „eigentlich“ auch nicht steht, genau diese Jas sollten wir uns und unseren Mitmenschen ersparen.
So viel klarer ist das „Nein, Herr Nachbar, ich kann Ihnen dieses Wochenende nicht helfen“, und so viel ehrlicher. Ein klares Ja und Nein hat viel mit Ehrlichkeit zu tun: gegenüber anderen Menschen, besonders jedoch zu selbst.