Nein sagen lernen: Erwartungen anderer Menschen erfüllen
Konflikte

Erwartungen erfüllen

Ist es ein Wunsch oder eine Erwartung? Gibt es einen Unterschied?



In den vergangenen Jahren ist es im Bereich der Kommunikation in Mode gekommen, den Tipp zu geben: „Bevor Sie Ihrem Gegenüber einen Vorwurf machen, sagen Sie ihm, was Sie sich zukünftig von ihm wünschen.“

Ernsthaft?

  • Sich von der Kollegin wünschen, dass sie endlich nach all den Jahren ihre Präsentation selbständig erstellt?
  • Sich vom Vorgesetzten wünschen, dass er doch bitte nicht immer freitags auf den letzten Drücker mit Arbeiten um die Ecke kommt, die bis zum Montag erledigt werden müssen?
  • Sich von seinem Kind wünschen, dass es das Zimmer aufräumt?

Ist das Leben ein Wunschkonzert? Sind andere Menschen Wunscherfüllungsgehilfen?

Selbstverständlich sind Vorwürfe die allerschlechteste Art, kooperativ mit seinem Gegenüber einen Lösungsvorschlag zu finden oder grundsätzlich einen Dialog zu führen. Doch was das Thema Wunsch betrifft, so erlebe ich es immer wieder, dass es zu vielen Missverständnissen kommt. Da werden die Teammitglieder in ein Seminar geschickt, in dem sie das gegenseitige formulieren von Wünschen lernen, doch kaum sind sie einige Tage an ihrem Arbeitsplatz, stellen sie erstaunt fest, dass Wünsche nicht erfüllt werden:

  • „Ich wünsche mir von dir, dass du die Ablage besser organisierst.“
  • „Ich wünsche mir von meinem Vorgesetzten, dass er mich mehr lobt.“
  • „An das Team habe ich den Wunsch, dass alle dafür sorgen, dass in der Abteilung eine gute Stimmung herrscht.“

Am Ende wundern sich alle, dass den Wünschen nicht entsprochen wird.
Doch: Wunsch ist Wunsch. Kann man erfüllen, muss man nicht.

Klar sagen, was man erwartet!

... denn hinter den meisten Wünschen stecken: Erwartungen!

“Erwartungen” ist ein Wort, dass oft hart und wenig charmant klingt, weshalb u.a. auch das Wünschen sehr viel netter klingt, doch meistens geht es um folgende Aussagen:

  • Man erwartet von einem Kollegen, dass ...
  • Man erwartet vom Chef, dass er ...
  • Man erwartet vom Kind, dass es ...

Es gibt Situationen, in denen Klarheit notwendig ist. Sie stecken ebenso einen Mindestrahmen ab, der notwendig ist, um weiterhin zusammen zu arbeiten oder zu leben. Oder wünschst du dir, dass deine Mitarbeiter*innen alle pünktlich zum Meeting erscheinen? Wünschst du dir wirklich vom Kollegen, dass er deine Grenzen akzeptiert? Oder erwartest du das?

Klarheit heißt auch, den Mut zu haben, Erwartungen zu äußern, nicht mit einer Weichspüler-Technik dem Konfrontationskurs zu entgehen, sondern klar und deutlich zu sagen, was man will, was man braucht, was man erwartet. Wer also eine Bitte an Kollegen oder generell Menschen stellt, sollte sich überlegen, ob es eine Erwartung oder eine Bitte ist. Bitten und Wünsche können erfüllt werden, Erwartungen fordern klar eine Handlung oder Unterlassung ein.

Das ist die gute Nachricht. Und die gilt für alle Menschen. Leider. Gott sei Dank.